Die Rumänienhilfe Alsterdorf

Die Rumänienhilfe Alsterdorf arbeitet seit 1990 in der Region Bihor in Westrumänien (Kreishauptstadt Oradea). Hervorgegangen ist sie aus der Direkthilfe für Kinder in Kinderheimen direkt nach dem Sturz des Ceausescu Regimes. In den ersten Jahren lag der Schwerpunkt des  Engagements in der Sanierung der maroden Heime und Krankenhäuser der Zielregion Bihor und der fachlichen Anleitung des Personals in den Institutionen.

Ab Mitte der 1990er Jahre wurden Schritt für Schritt neue Strukturen der Versorgung von Menschen mit Behinderung und psychischen Erkrankungen aufgebaut, die sich an den westeuropäischen Vorbildern orientierten. So entstanden ein Tageszentrum für Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Behinderung, die noch zu Hause leben und so vor der Einweisung in Heime oder psychiatrische Krankenhäuser bewahrt werden. Für die mittler- weile erwachsenen ehemaligen Heimkinder entstanden 3 Wohnhäuser mit einem am Familienmodell orientierten Betreuungsmuster mit insgesamt 34 Plätzen und 5 Wohnungen mit 26 Plätzen des Betreuten Wohnens mit stundenweiser Assistenz und Anleitung zur Selbstständigkeit. Heute sind diese Wohnhäuser und das Betreute Wohnen in der freien Trägerschaft der Asociatia romano germana Alsterdorf, dem Trägerverein der Rumänienhilfe Alsterdorf vor Ort.

Der Anfang

Mit der Arbeit im Kinderheim Cighid hat es angefangen. Cighid war eines der Todesheime, die durch die westliche Medien gingen, weil hierhin Kinder mit Behinderung ab dem 3. Lebensjahr verlegt wurden, ohne ausreichende Versorgung, teilweise sich selbst überlassen, so dass viele innerhalb kurzer Zeit starben. Diese „Euthanasie durch die Verhältnisse“, endete erst mit dem Sturz Ceausescus und der dann schnell einsetzenden Welle westlicher Hilfen. Die Soforthilfe in Cighid – Nahrung, Heizung und Anleitung des Personals, so dass wenigsten ein Minimum an Zuwendung gewährleistet war – war auch unser Start.

Weil aber in Cighid bereits viele andere Organisationen tätig waren, konzentrierten wir uns nach der Anfangszeit auf die Hilfe andere Heime in der Region Bihor. Wir folgten den Spuren der älteren kinder, die jetzt häufiger überlebten als früher und die vor den Augen der westliche n Helfer in die Erwachsenenpsychiatrie verlegt worden. So entdeckten wir das weit abgelegene psychiatrische Krankenhaus Nucet mit über 400 Patienten, das damals ein Todeskrankenhaus mit einer jährlichen Sterblichkeit von 22 Prozent war. Nucet wurde für viele Jahre in den 1990ern unser Schwerpunkt. Heute hat die Hälfte der Patienten Beschäftigungs- und Arbeitsmöglichkeiten.



Ein kleiner Teil lebt sogar in einem Rehabilitationshaus mitten im Ort Nucet und weitere bereits in weiterführenden Wohnprojekten in der Stadt Oradea. Schwierigkeiten in der Versorgung und sachgerechten Behandlung der immer noch über 400 Patienten in Nucet gibt es aber noch heute.

 

Die verlassenen Kinder in Rumänien

Die Zahl der Kinder in Heimen hatte sich Mitte der 1990er Jahre gemessen am Ende der Ceausescu-Diktatur 1989 verdoppelt. Nur in Estland und in der Ukraine war die Zahl der verlassenen Kinder noch höher. Die alte Moral – wenn ich für mein Kind nicht mehr aufkommen kann, muss es der Staat tun – und die neue wirtschaftliche Not kamen zusammen. Allein im Distrikt Bihor mit 600.000 Einwohnern werden auch heute noch monatlich zehn bis 15 Neugeborene von ihren Müttern verlassen. Die meisten werden in der Entbindungsklinik zurückgelassen. Auch im Westen wäre jedes öffentliche Hilfesystem damit überfordert. Die Folge war lange: überfüllte Heime mit inhumanen Bedingungen, keine Förderung, keine Schulausbildung und keine beruflichen Perspektiven.

Heute hat sich die Situation etwas verändert. Die Europäische Union hat Ende der 1990er Jahre im Rahmen der Beitrittsverhandlungen von Rumänien nicht nur wirtschaftliche Reformen verlangt und den Kampf gegen die Korruption, sondern auch eine nachhaltige Veränderung bezüglich der Kinderheime. Die Rumänienhilfe Alsterdorf hat 1998 mit anderen nicht-staatlichen Organisationen zusammen das Programm „Kinderhäuser statt Kinderheime“ gestartet. Kinder mit und ohne Behinderungen, die bisher in Heimen untergebracht waren, sollten in gemeindeintegrierten Häusern unter normalen Bedingungen leben. Hauseltern sollten die Erziehung übernehmen, unterstützt von weiterem pädagogischen Personal.

Mit der Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung, der großzügigen Unterstützung einiger Privatpersonen und Kirchengemeinden und vielen einzelnen Spenden ist es uns 2001 gelungen, in Oradea zwei Häuser für Kinder und Jugendliche einzurichten. Zwölf Kinder mit Behinderung leben seitdem im Casa Hamburg, 14 Jugendliche und Jungerwachsene mit Behinderung im Casa Franz Max, benannt nach dem verstorbenen Ehemann unserer Unterstützerin Maria Max, die für dieses Haus Spenden im Raum Frankfurt gesammelt hat. Im Laufe der Jahre sind weitere Häuser dazu gekommen: Casa Frankfurt und Casa Sacueni.

Andere westliche Hilfsorganisationen taten Ähnliches. Heute gibt es in der Region Bihor ein Netz von über 30 Kinderhäusern, mittlerweile einige auch von rumänischen Stiftungen finanziert. Etwa 40 Prozent der ehemaligen Heimkinder leben heute in Bihor in diesen Kinderhäusern, weitere 30 Prozent sind in Pflegefamilien vermittelt, so dass tatsächlich nur noch eine Minderheit in Kinderheimen lebt. Die Situation in der Mitte und im Osten Rumänien ist allerdings noch nicht so weit entwickelt.

 

Die 18 plus Frage

Bis jetzt endet diese Reform allerdings an der Altersgrenze von 18 Jahren. Junge Erwachsene müssen  dann heraus aus den Kinderhäusern, nur in Ausnahmefällen können sie noch einige Jahre länger bleiben. Für die, die dann aufgrund ihrer Behinderung nicht selbständig leben können, heißt dies: zurück ins Heim oder in die Psychiatrie. Diejenigen, die dort noch gar nicht herausgekommen sind und über 18 Jahre sind, haben ebenfalls keine Perspektive. Ebenso sind Menschen gefährdet, die als Kinder und  Jugendliche  noch zu Hause gelebt haben, aber als Erwachsene irgendwann nicht mehr bei den Eltern wohnen bleiben können.

Die Rumänienhilfe Alsterdorf hat deshalb mit der Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung Stuttgart und in Zusammenarbeit mit der Katholischen Kirchengemeinde St. Johannes Baptist in Weil im Schönbuch ein Programm gestartet mit dem Titel „Wohnen und Arbeiten für Erwachsene mit Behinderung in Bihor/18 plus“. Im März 2005 sind die ersten beiden Wohnungen mit zehn Wohnplätzen für „Betreutes Wohnens“  in Oradea eingerichtet worden. 3 weitere Wohnungen sind in den folgenden Jahren dazu gekommen, so dass jetzt 27 Plätze des Betreuten Wohnens bestehen. Ab 2011 startete das Auszugsprojekt, in dem 2013 bereits 11 Menschen mit Behinderung lebten.

Mit des Wohnhäusern und ihrer dichten und intensiven Betreuung und Anleitung, dem Betreuten Wohnen mit dem Training zur Selbstständigkeit und dem Auszugsprojekt, in dem die Betroffenen  nur noch 1-2 Stunden die Woche beratende Hilfe durch die Wohnassistenten erhalten ist in Oradea eine sinnvolle und gut aufeinander abgestimmte Kette von Unterstützungsangeboten entstanden, Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft zurückzuführen. Gleichzeitig gelang es uns in Bihor, in intensiver Kooperation mit der örtlichen Agentur für Arbeit über 200 Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt zu schaffen. 

Diese Arbeitsplätze funktionieren nach dem in Großbritannien erfolgreichen Prinzip des „supported employment“, bei dem speziell ausgebildete Arbeitsassistenten nicht nur die Vorbereitung und Vermittlung auf den Arbeitsplatz, sondern auch die Anleitung dort und die Hilfe bei Konflikten am Arbeitsplatz übernehmen.

Mit den Mitteln der Robert-Bosch-Stiftung wurden die Koordination und die Aus- und Weiterbildung der rumänischen Wohn- und Arbeitsassistenten finanziert. Die Katholische Kirchengemeinde Weil im Schönbuch und die schwedischen Hilfsorganisation „Syster Annas hjälpverksamhet för rumänska barnhemsbarn“unterstützten den Aufbau der Wohnplätze mit Spendentransporten und Geldspenden, sowie mit ehrenamtlichem Engagement.

Gleichzeitig hat die Rumänienhilfe Alsterdorf für die Erwachsenen mit psychischen Erkrankungen oder geistigen Behinderungen, die noch bei ihren Eltern leben, 1997 angefangen, zusammen mit dem Angehörigenverband in Oradea ein Tageszentrum aufzubauen. 40 Betroffene finden hier seither ein Tagesstruktur mit Förderprogrammen, Sorge um die ärztliche Versorgung und einer gemeinsam hergestellten warmen Mahlzeit, wodurch die Familien entlastet werden und  eine Einweisung ins Heim oder die Psychiatrie vermieden wird.

Die Übernahme sozialer Aufgaben in freie Trägerschaft

In Rumänien sind bisher noch alle sozialen Einrichtungen staatlich. Erst langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass der Staat für diese Aufgaben wenig geeignet ist und Kindertagesstätten, Altenpflegeheime und Behinderteneinrichtungen an freie Träger übergeben sollte. 2011 wurde die rumänische Gesetzgebung diesbezüglich an die europäischen Normen angepasst. Allerdings handelt es sich lediglich um eine Kann- Bestimmung: die Distrikte können seither soziale Einrichtungen ausschreiben und unter bestimmten Vertragsbedingungen in die Verantwortung freier Träger geben, mit denen sie dann die Höhe der staatlich zu leistenden laufenden Kosten aushandeln müssen.

Die Asociatia romano germana Alsterdorf, der rumänische Trägerverein, den wir vor Ort gegründet haben, hat seit Dezember 2012 die Wohnhäuser und die Apartments des Betreuten Wohnens mit insgesamt 60 Bewohnern und 23 Angestellten übernommen. Bihor ist die erste Region Rumäniens, die diesen Schritt gegangen ist und wir sind mit einem

Träger der Orthodoxen Kirche vor Ort zusammen die ersten, die eine solche öffentliche Sozialaufgabe vom rumänischen Staat in eigener Trägerverantwortung übertragen bekommen haben.

Nachdem dies zur Zufriedenheit aller gelungen ist, will die zuständige Sozialbehörde Bihor uns gerne auch die Trägerschaft für eines der großen alten Heime übertragen, in denen immer noch sehr schlechte Bedingungen herrschen. Wir planen ein solches Heim zu übernehmen, mit großer Wahrscheinlichkeit das Heim Cadea, nahe Oradea, mit 50 Plätzen für junge erwachsene Menschen mit Behinderung. Unser Ziel: Aufbau von Arbeitsmöglichkeiten für die Heimbewohner und Schritt für Schritt eine Konvertierung des Heims in gemeindeintegrierte Wohnformen.

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